Vollbild
21.12.2023
20231222-nertflix-teaser-mp-pb-weidel-porträit
Guten Morgen Detlef Karl Klein,

die AfD ist die politische Siegerin des Jahres 2023: In den Umfragen erzielt die Partei inzwischen mehr als das Doppelte (23 Prozent) an Zustimmung als bei der Bundestagswahl im September 2021 (10,3 Prozent). Bei der Europawahl im Juni 2024 dürfte die AfD auch in harter Währung abräumen. Bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg liegt sie in allen Umfragen deutlich vorn. Der „Economist“ beschreibt Alice Weidel in seiner aktuellen Ausgabe als „blue queen“ und „Königin im Wartestand“.

 
Aufstieg der AfD
Forsa-Zustimmungswerte der AfD seit der Bundestagswahl 2021, in Prozent
20231221-infografik-media-pioneer-Aufstieg-der-AfD ohne
 
Infografik teilen
         email    email

In den deutschen Medien wird derweil gegrummelt, aber nicht kühl analysiert. Man will die AfD-Wähler nicht verstehen, sondern verdammen. Manfred Güllner – Gründer und Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa – vergleicht den Aufstieg der AfD mit dem der NSDAP. Er sagt:

  Das erschreckendste Ergebnis des Jahres 2023 ist der nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus noch nie zu beobachtende rapide Anstieg der Anhängerschaft einer rechtsradikalen Bewegung. Gegen Ende des Jahres könnte die AfD mit 23 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen rechnen. Von allen Wahlberechtigten würden somit 17 Prozent die AfD wählen – und damit mehr als die NSDAP bei der Reichstagswahl im September 1930. “

20231221-image-imago-mb-Manfred Güllner
Manfred Güllner © imago

Güllner weiter:

  Zwei Jahre und vier Monate nach dieser Reichstagswahl von 1930 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. “

So weit sind wir im Deutschland des Jahres 2023 mit Sicherheit nicht. Alice Weidel, eine promovierte Ökonomin, ehemals Mitarbeiterin von Allianz SE und Goldman Sachs, ist politisch rechts, aber kein Neonazi.

20231221-image-imago-mb-Alice Weidel
Alice Weidel, Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion © imago

Und: Ihr weiterer Aufstieg ist nicht alternativlos. Die Republik ohne Republikaner, wie die Weimarer Republik oft genannt wurde, findet in der Bundesrepublik keinen Wiedergänger. Die Mehrzahl der Wähler lehnt die AfD ab. Keine der im Bundestag vertretenen Parteien will derzeit und auf absehbare Zeit mit ihr koalieren.

Und dennoch: Es gibt gute Gründe, den Aufstieg der AfD nicht zu verharmlosen und ihn nicht – wie die etablierten Politiker es gern tun – als moralische Schwäche ihrer Wähler zu verurteilen. Denn die Mehrzahl der neuen AfD-Sympathisanten – Güllner nennt sie Zuwanderer – sind Menschen, die gestern noch CDU, SPD, FDP und Grüne gewählt haben, also Fleisch vom Fleische der etablierten Parteien sind.

 
AfD: Stärkste Zuwanderung von den Ampel-Parteien
36 Prozent der Zuwanderer zur AfD, im Vergleich zur Bundestagswahl 2021, kommen von den Ampel-Parteien
20231218-infografik-media-pioneer-Zuwanderung-AFD-ohne
 
Infografik teilen
         email    email

Der Demokratie wäre es bekömmlicher, die Triebkräfte des AfD-Aufstiegs zu verstehen. Die Brandmauer im Kopf, also der aktivistische und nicht analytische Zugang zum Thema, hat der AfD eher genutzt als geschadet. Im Wesentlichen sind es folgende fünf Treiber, die erst in ihrer Kombination eine für das bisherige Parteiensystem zersetzende Wirkung entfalten:

# 1 Deutschland steigt ökonomisch ab

Unser Land zählt zu den wohlhabendsten der Welt. Aber hinter Sätze dieser Art gehört ein „noch“. Die Zukunftserwartungen sind düster. Die demographische Flucht aus dem produktiven Kern der Volkswirtschaft, die Innovationsschwächen gegenüber China und den USA, aber auch die Verteuerung der Energiebasis führen dazu, dass es auf absehbare Zeit unmöglich ist, die Wachstumsraten der Vergangenheit zu duplizieren.

Das offizielle Potenzial der Bundesrepublik für die nächste Dekade wird vom Sachverständigenrat auf nur noch 0,4 Prozent taxiert. Das bedeutet einen spürbaren, relativen Abstieg des Landes und einen für alle spürbaren Wohlstandsverlust in Deutschland. Die Abstiegsangst der Wähler ist also real. Sie wird von den etablierten Parteien nicht ernsthaft adressiert, wobei die Union derzeit nicht an den Worten von Friedrich Merz gemessen wird, sondern an den Unterlassungen der 16 langen Merkel-Jahre.

 
Deutschland: Ende eines Wirtschaftswunders
Preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt, in Prozent gegenüber dem Vorjahr
20231109-infografik-media-pioneer-Deutschland-Wirtschaftswunders ohne
 
Infografik teilen
         email    email

# 2 Angst vor Altersarmut

Die demographischen Probleme sind insbesondere für die sozialen Sicherungssysteme dramatisch. Der Generationenvertrag, also das Umlagesystem bei der Renten-, Pflege-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung, beruht auf Leistungen einer Hochleistungswirtschaft mit immer neuen Facharbeitern und Angestellten. Sobald es zur Schrumpfung des inländischen Arbeitskräftepotenzials kommt, kann das System nur durch Mehrarbeit, qualifizierte Migration oder eben massiven Leistungsabbau überleben.

20231101-image-dpa-pb-Rentner
Rentnerpaar am Ufer eines Sees © dpa

Die Angst vor Altersarmut und medizinischer Unterversorgung im Alter ist – zumindest für alle, die keine private Vorsorge besitzen – derzeit sehr real. Die Politik diskutiert das Problem seit Jahrzehnten, aber alle Lösungsansätze – von der Aktienrente bis zur qualifizierten Zuwanderung in den Arbeitsmarkt – kommen über das Stadium der Rhetorik nicht hinaus. Das Wort findet nicht zur Tat. Nicht nur das Problem selbst beunruhigt die Wähler, sondern auch der unseriöse Umgang mit Lösungsideen. Die erkennbaren Lieferschwierigkeiten bei diesen Zukunftsthemen begünstigen die Sehnsucht nach einer Alternative, auch wenn diese Alternative schemenhaft bleibt.

 
Das alternde Land
Alterspyramide Deutschlands mit Prognosen für 2080
20231109-infografik-media-pioneer-Alterspyramide ohne
 
Infografik teilen
         email    email

# 3 Migrationspolitik ohne Volk

Die Migrationspolitik spiegelt nicht die Mehrheitsmeinung in Deutschland wider. Die illegale Zuwanderung, die legale Armutsmigration in den deutschen Sozialstaat, die babylonische Sprachverwirrung an deutschen Grundschulen und der Kampf um bezahlbaren Wohnraum stoßen auf einen sich verhärtenden Widerstand. Verhärtend deshalb, weil die Regierungspolitik, und zwar die der Regierung Merkel und der Regierung Scholz, diese Problemlagen erst ignoriert und dann verniedlicht hat.

 
Kanzler und die illegale Migration
Zahl der registrierten illegalen Einreisen nach Deutschland, seit 2011 nach Bundeskanzlern
20231221-infografik-media-pioneer-Illegale-Einreise ohne
 
Infografik teilen
         email    email

Bis heute werden keine kraftvollen Schritte unternommen, um eine von der Mehrheitsgesellschaft als widrig empfundene Wirklichkeit zu verändern. Der erleichterte Zugang zur Staatsbürgerschaft, die Regeln zum Familiennachzug und die Ausreichung des Bürgergelds an 2,6 Millionen Menschen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, wirken in dieser Situation wie ein AfD-Förderprogramm.

# 4 Finanzielle Belastung durch Klimapolitik

Ein wachsender Teil der Bevölkerung hat das Gefühl, dass die Klimapolitik sich gegen sie verschworen hat. Vom ursprünglich geplanten Sanierungszwang mit dem verbindlich vorgeschriebenen Einbau einer Wärmepumpe bis zur gewollten Verteuerung der Energie und dem Streichen des Dieselprivilegs für die Landwirtschaft – die Bürger fühlen sich über Gebühr belastet.

Atomkraftwerk
Atomkraftwerk Neckarwestheim © dpa

Auch die Abschaltung aller deutschen Atomkraftwerke, die zu weiterer Stromknappheit und CO2-Belastung führt, war ein Geschenk des Kanzlers an die Grünen. Aber dieses Geschenk fand ohne die Billigung einer Mehrheit der Wählerinnen und Wähler statt. Insgesamt ist die Klimapolitik auf der Agenda der Deutschen deutlich nach hinten gerückt. Die Ampelkoalition hat diese Prioritätenverschiebung der Bürger für sich nicht akzeptiert.

# 5 Verlust der Alltagsvernunft

Man entscheidet sich nicht für die Programmatik der AfD, sondern gegen die Fortsetzung der Kontinuität, sagen die Gesellschaftsforscher Dirk Ziems und Thomas Ebenfeld. Und diese politische Kontinuität wird von vielen als feindselig gegenüber ihrem Lebensmodell empfunden. Der Mainstream der öffentlichen Debatte wendet sich seit Längerem schon den verschiedenen Formen von Minderheiten zu und vernachlässigt den Durchschnittsarbeiter mit seiner Lust auf Bier und Nackensteak und die traditionelle Partnerschaft mit ihrer Sehnsucht nach Eigenheim, Carport und Kindern.

20231221-image-imago-pb-Peer Steinbrück
Peer Steinbrück © imago

Peer Steinbrück, der gescheiterte Kanzlerkandidat der SPD, hat es in seinem Buch „Das Elend der Sozialdemokratie” so formuliert:

  Der hohe Stellenwert, den die SPD der Beseitigung von Diskriminierung nach Geschlecht, sexueller Neigung, Herkunft, Hautfarbe, Religion und nicht zuletzt Menschen in einer prekären Lage einräumte, wird von vielen Werktätigen, die in einem normalen Arbeitsverhältnis stehen, als eine Abwendung von ihren Lebenswirklichkeiten und Existenzfragen verstanden. “

Und weiter:

  Die hohe politische Aufmerksamkeit, die Minderheiten zuteil wurde – zumal, wenn sie artikulationsstark vertreten werden –, erschien nicht wenigen ‚ordinary people‘ unverhältnismäßig im Vergleich zu der Beachtung, die man ihnen politisch widmet. “

Hinzu komme, dass sich eine „rigide, regelrecht beklemmende Sprachregelung“ entwickelt habe, die „völlig ironiefrei ist und deren Nichtbefolgung zu einem Bannstrahl führen“ könne. Das schaffe zusätzliche Distanz.

20231221-image-Deutsches Historisches Museum, Berlin-pb-Arbeitsloser während der Weltwirtschaftskrise, um 1930
Arbeitsloser während der Weltwirtschaftskrise, um 1930 © Deutsches Historisches Museum, Berlin

Fazit: Anders als in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ist die Bevölkerung nicht durch einen verlorenen Weltkrieg traumatisiert. Das Gendersternchen ist kein zweiter Versailler Vertrag und Alice Weidel nicht die Stieftochter von Hitler. Wahrscheinlich bekämpfen die etablierten Parteien die AfD am besten dadurch, dass sie die Probleme lösen, die sie groß gemacht haben.

Kapiteltrenner: Unsere Highlights heute:

  • Die EU-Staaten und das Europaparlament einigen sich auf eine Asylsystem-Reform zur effektiveren Eindämmung irregulärer Migration.

  • Martin Brudermüller tritt ab, Markus Kamieth übernimmt das Ruder bei BASF.

  • Der S. Fischer Verlag veröffentlicht „Worte in finsteren Zeiten“ – eine Sammlung inspirierender Texte renommierter Autoren, die in schwierigen Zeiten Zuversicht spenden sollen.

 
Pioneer-XMAS-GIF-07 „All I want for Christmas is.. Independent Journalism“
Klick aufs Bild führt Sie zum Angebot.

Kapiteltrenner: Aus der Hauptstadt
20231221-image-imago-mb-Svenja Schulze
Svenja Schulze © imago

Kanzler Olaf Scholz, sein Vize Robert Habeck und Christian Lindner haben ihren Kabinettskollegen die Sparmaßnahmen für den Haushalt 2024 gestern „zur Kenntnis gegeben“, wie es aus Regierungskreisen heißt. Für Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze ist das Paket ein Affront. Die SPD-Politikerin muss in ihrem Ressort so viel einsparen wie kein anderer Kollege. Angesichts der Weltlage „müsste Deutschland eigentlich mehr Mittel in internationale Zusammenarbeit investieren und nicht weniger“, heißt es aus ihrem Haus.

Nach dem Kompromiss zu den Haushaltsverhandlungen gibt es also zwei neue Verlierer: Schulze selbst, die ihr Ministerium nicht zu einem „nice to have“, sondern zu einem unverzichtbaren Werkzeug der internationalen Zusammenarbeit ausbauen wollte. Und die deutsche Entwicklungshilfe, die mehr und mehr aus dem Fokus des Ampel-Interesses zu rutschen scheint. Seit 2021 sinken die Etats. Eigentlich war die Bundesregierung angetreten, das Internationale ihrer Politik zu betonen – das Gegenteil ist nun offensichtlich der Fall, schreiben meine Kollegen aus dem Hauptstadt-Briefing.

20231221-header-hdb-mp-weihnachtsbaum-schulze-geld-bmz
Ampel verliert Interesse an Entwicklungshilfe
Svenja Schulzes Entwicklungsministerium muss mehr sparen als die anderen – und das empört sie.
Briefing lesen

Kapiteltrenner: EU-Asylreform
20231221-image-imago-mb-Asylbewerber kommen im Hotel Van der Valk an
Asylbewerber kommen im Hotel Van der Valk an © imago

Nach jahrelangen Verhandlungen haben sich die EU-Staaten und Vertreter des Europaparlaments auf eine Reform des Asylsystems geeinigt. Ziel ist es, die irreguläre Migration effektiver einzudämmen. Die Reform umfasst einheitliche EU-Außengrenzverfahren, einen neuen Mechanismus für die Flüchtlingsverteilung und strengere Asylregeln. Die Einigung muss noch vom Europaparlament und den EU-Staaten bestätigt werden.

Umstritten ist der Punkt des härteren Umgangs mit Personen aus Ländern, die als sichere Herkunftsländer gelten. Sie sollen ein Schnellverfahren an der EU-Außengrenze durchlaufen und könnten in Auffanglagern unter haftähnlichen Bedingungen untergebracht werden. Rasmus Andresen, Sprecher der deutschen Grünen im Europaparlament, äußerte Bedenken zur Inhaftierung von Familien mit Kindern und warnte vor möglichen Menschenrechtsverletzungen.

Die Reform enthält auch einen „Solidaritätsmechanismus“, was eine Tarnvokabel für die Gegner des Asylkompromisses ist. Länder, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, müssen stattdessen Unterstützung leisten, beispielsweise in Form von Geldzahlungen. Staaten, die von Flüchtlingsanstiegen überfordert sind, können einen Krisenfall ausrufen, worauf die EU-Kommission Flüchtlinge umverteilt oder Ausgleichszahlungen festlegt.

Fazit: Der Weg von diesen Papieren zu einem Rückgang der Zahlen ist weit – und ungewiss. Die Effektivität dieser Regelung wird man nicht dem Ab­schluss­kom­mu­ni­qué, sondern später den Statistiken von Frontex entnehmen können.

Kapiteltrenner: Migrationsgesetze
20231221-image-dpa-mb-Einbürgerungsurkunde und ein deutscher Reisepass
Eine Einbürgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland und ein deutscher Reisepass © dpa

Dazu passt: Die Ampel erreicht eine bedeutende Gesetzesänderung, die die Einbürgerungsbedingungen und Abschiebeprozesse reformiert. So können Zuwanderer nun nach fünf Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, statt bisher nach acht Jahren – vorausgesetzt, sie sind finanziell unabhängig.

Bei besonderen Integrationsleistungen, wie guten Sprachkenntnissen oder ehrenamtlichem Engagement, ist eine Einbürgerung bereits nach drei Jahren möglich. Zudem wird die doppelte Staatsbürgerschaft, bisher begrenzt auf EU-Bürger und Ausnahmefälle, erweitert.

Parallel dazu sollen Abschiebungen durch eine Verlängerung des Ausreisegewahrsams von zehn auf 28 Tage und erweiterte Befugnisse der Bundespolizei effektiver gestaltet werden.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser sagt dazu:


  Wir schaffen die besten Voraussetzungen, um den aktuellen Gefährdungslagen konsequent zu begegnen. “

Kapiteltrenner: Einwanderungsgesetz 
20231221-image-dpa-mb-Emmanuel Macron
Emmanuel Macron © imago

In Frankreich verabschiedet die Regierung ein verschärftes Einwanderungsgesetz, das für politische Spannungen sorgt. Während Gesundheitsminister Aurélien Rousseau seinen Rücktritt einreicht, bezeichnet Marine Le Pen das Gesetz als „großen ideologischen Sieg“. Präsident Emmanuel Macron plant, die Verfassungskonformität des Einwanderungsgesetzes überprüfen zu lassen.

Das Gesetz zielt darauf ab, die Einwanderung strenger zu kontrollieren und die Integration zu regulieren, einschließlich einer späteren Gewährung bestimmter Sozialleistungen für Migranten, um die Zuwanderung einzuschränken.

Die geplante Erleichterung für Migranten ohne Aufenthaltspapiere in Mangelberufen wurde nur in eingeschränkter Form umgesetzt. Der Straftatbestand des irregulären Aufenthalts wurde wieder eingeführt.

Kapiteltrenner: Chefwechsel bei BASF
20231101-image-dpa-pb-Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF
Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF © dpa

Martin Brudermüller, seit Mai 2018 Vorstandsvorsitzender der BASF, wird im kommenden Jahr seinen Posten verlassen. Die Führung des Chemiekonzerns übernimmt Markus Kamieth, der bislang für das Asiengeschäft zuständig war. Ende April 2023 soll der 53-Jährige die Nachfolge antreten.

20231221-image-dpa-pb-Markus Kamieth
Markus Kamieth © dpa

Kamieth, gebürtiger Rheinländer, arbeitet seit 1999 im BASF-Konzern, seit 2017 sitzt er im Vorstand. Er habe während seiner beruflichen Stationen in Deutschland, den USA und Asien „hervorragende Ergebnisse“ erzielt, lobte Aufsichtsrats-Chef Kurt Bock, der wiederum Vorgänger und Rivale von Brudermüller ist. Kamieth vereine „strategischen Weitblick sowie operative Umsetzungsstärke“ und werde den Geschäften von BASF neue Impulse geben.

In diesem Jahr droht bei BASF ein Gewinneinbruch von 40 Prozent, strategischer Weitblick tut dem neuen CEO also gut. Dass der Asien-Vorstand auf den Chefposten befördert wurde, kann als Festhalten an der von Brudermüller angestoßenen Strategie, vermehrt auf China zu setzen, gesehen werden. Im chinesischen Zhanjiang baut BASF für rund zehn Milliarden US-Dollar ein Werk, das die Dimension einer Kleinstadt hat.

Der scheidende Martin Brudermüller selbst geht den Weg eines jeden respektierten DAX-CEOs, und zwar in Richtung Aufsichtsrat. Bei Mercedes-Benz soll er das Kontrollgremium führen.

Kapiteltrenner: Deutsche Bahn
Richard Lutz
Richard Lutz, CEO der Deutschen Bahn © dpa

Die Deutsche Bahn verkauft Schenker, aber den optimalen Zeitpunkt hat die Bahn offenbar verpasst. Das geht aus vertraulichen Unterlagen hervor, die unserem Kollegen Christian Schlesiger vorliegen. Demnach erwartet die Konzernspitze um Bahnchef Richard Lutz für die Logistiktochter in diesem Jahr einen Umsatz von 19,5 Milliarden Euro. Das wäre ein Einbruch von 29 Prozent gegenüber 2022. „Vor einem Jahr wäre Schenker viel mehr wert gewesen“, sagt ein Insider:

  Die Deutsche Bahn kommt mal wieder zu spät. “

Die Bahn hat den Verkaufsprozess gestern mit einer Anzeige im Wall Street Journal angeschoben. Eingeweihte erwarten Einnahmen in Höhe von 10 bis 12 Milliarden Euro für den Gesamtverkauf von Schenker. Weltweit läuft die Logistik nicht mehr so rund. Schenker leidet außerdem unter Ineffizienzen. Laut Aufsichtsrats-Unterlagen erwartet das Unternehmen 2023 eine Ebit-Marge von 5,3 Prozent. Wettbewerber, wie die dänische DSV Panalpina, der auch Interesse an Schenker nachgesagt wird, arbeiten profitabler.

In der Mittelfristprognose rechnet das Schenker-Management nicht einmal bis 2028 damit, den Umsatz des vergangenen Jahres erreicht zu haben. Der Umsatz soll dann 24,4 Milliarden Euro betragen.

Kapiteltrenner: Zoom
20231221-image-imago-mb-Eric Yuan, Gründer und CEO von Zoom
Eric Yuan, Gründer und CEO von Zoom © imago

Im Zuge der globalen Pandemie avancierte das US-Unternehmen Zoom zu einer unverzichtbaren Anwendung im beruflichen und persönlichen Alltag. Doch das Unternehmen wird nicht länger im renommierten US-Tech-Index Nasdaq 100 geführt werden, da es im vergangenen Jahr eine miserable Performance verzeichnete.

Zoom ist nur noch ein Schatten seiner selbst: Die Aktie hat seit dem Höchstpunkt von 559 Dollar rund 90 Prozent an Wert verloren.

Diese Abwärtsbewegung signalisiert nicht nur eine finanzielle Entwicklung, sondern markiert auch das Ende einer Ära. Die Ära, in der virtuelle Interaktionen die einzige Möglichkeit waren, ist mit der Pandemie beendet. Menschen suchen in allen Bereichen wieder vermehrt die persönliche Begegnung und schätzen die gemeinsame Interaktion. Insofern ist der Abstieg von Zoom ein Lebenszeichen der Menschheit.

Pioneer-XMAS-GIF-03

Kapiteltrenner: Pioneer Highlights

20231218-header-pb-mp-25-personen-des-jahres-2023 (2)
6 Stadt der Zukunft
Krise der Innenstädte: Wie Stadtplaner die City revitalisieren wollen.
 
Artikel lesen
7 Prostatakrebs: Wir screenen falsch!
Prof. Dr. Peter Albers erklärt, wie eine bessere Vorsorge viele Erkrankungen verhindern könnte.
 
Artikel lesen
8 René Benko: Absturz eines Überfliegers
Auf- und Abstieg des Immobilien-Königs René Benko in fünf Akten.
 
Artikel lesen
9 Die wahre Bilanz der Flüchtlingskrise 2015
Acht Jahre nach der Flüchtlingskrise. Haben wir es geschafft?
 
Artikel lesen
10 Der Standort Deutschland ist in Gefahr
Eine Rede von Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger.
 
Artikel lesen

Kapiteltrenner: Jahresrückblick

Dr. Stefan Wachtel
Dr. Stefan Wachtel © Media Pioneer

Wie wird das Jahr 2023 rhetorisch in Erinnerung bleiben? Für diese Beurteilung konnten wir einen ausgewiesenen Experten gewinnen, den Rhetoriktrainer Dr. Stefan Wachtel.

Er hat mit The Pioneer in diesem Jahr eine achtteilige Podcast-Serie namens Executive Modus Briefing produziert, in der wichtige Grundlagen der Rhetorik behandelt wurden.

Vor diesem Hintergrund hat Wachtel im Pioneer-Podcast auf das Jahr 2023 zurückgeblickt und seine persönlichen rhetorischen High- und Lowlights identifiziert.

20231221-podcast-pb-mp-wachtel BC
Klick aufs Bild führt zur Podcast-Page.

Es geht um den begnadeten Redner Gregor Gysi, die rhetorische Klarheit von BASF-Chef Martin Brudermüller oder die Art und Weise, wie Sahra Wagenknecht ihre Zuhörer in den Bann zieht. Und um den „rhetorischen Totalausfall“ Olaf Scholz, wie Dr. Wachtel sagt, geht es natürlich auch.

Hier können Sie den Podcast hören!

Kapiteltrenner: Worte in finsteren Zeiten
20231221-image-S. Fischer Verlag-mb-Worte in finsteren Zeiten
Das Buch „Worte in finsteren Zeiten“ © S. Fischer Verlag

Worte der Zuversicht in Zeiten von Krieg, Leid und Krise zu finden, ist nicht einfach, aber wichtig.

Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober sind die Debatten über Antisemitimus, Pro-Palästina oder Pro-Israel aus der Öffentlichkeit nicht mehr wegzudenken. Nicht konstruktiv, sondern destruktiv wird das Leid von Menschen für politisch-ideologische Zwecke banalisiert.

In diesen Zeiten, wo sich das Gefühl von Sprachlosigkeit, Müdigkeit und Ratlosigkeit breitmacht, hat der S. Fischer Verlag renommierte Autoren gebeten, Texte der Zuversicht einzusen­den. Dabei kann es sich um Auszüge aus Romanen, Gedichten, Tagebucheinträgen oder Liedern handeln.

In dem gestern erschienenen Buch „Worte in finsteren Zeiten“ sind 96 dieser „Lebenstexte“ erschienen – darunter Texte von Hannah Arendt, Erich Kästner, Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Simon & Garfunkel.

Hier ein kleines Potpourri:

Ein Text von Karl Ove Knausgård – norwegischer Schriftsteller –, eingereicht von Zsuzsa Bánk (Gewinnerin Deutscher Bücherpreis 2003):

  Manchmal tut es weh zu leben, aber es gibt immer etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Meinst du, du kannst dir das merken? “

Ein Auszug des Songs „Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel, eingereicht von Aiman Mazyek (Vorsitzender des Dachverbands Zentralrat der Muslime in Deutschland):

„Hello darkness, my old friend

I’ve come to talk with you again

Because a vision softly creeping

Left its seeds while I was sleeping

People talking without speaking

People hearing without listening

People writing songs that voices never share No one dare

Disturb the sound of silence“

Ein Auszug aus Ingeborg Bachmans „Kritische Schriften“, eingereicht von Anna Yeliz Schentke (deutsche Schriftstellerin):

  Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die anderen, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, daß sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar. “

Das Buch wirkt wie eine Injektion der Zuversicht. Statt böser Worte teilen die Autoren Texte miteinander, die Hoffnung schenken. Prädikat: wertvoll.

Ich wünsche Ihnen einen gut gelaunten Start in diesen neuen Tag.

Bleiben Sie mir gewogen. Es grüßt Sie auf das Herzlichste,

Ihr

Signatur Gabor Steingart
Gabor Steingart
Herausgeber The Pioneer

Redaktion

Lukas Herrmann (Leitung), Nico Giese und August Hemel

Außerdem mitgewirkt haben heute Christian Schlesiger und Daniel Bayer.

Grafiken

Henning Schmitter (Titelbild)

Pioneer Briefing teilen,
Dankeschön erhalten.
Wenn Ihnen mein Newsletter gefällt, würde ich mich über eine Weiterempfehlung an Ihre Freunde, Familie oder Kollegen sehr freuen.
Noch 5 Weiterempfehlungen bis zur nächsten Pioneer-Prämie:
Dank im ThePioneer Briefing

Plus: Ich möchte Sie zur Dinnerfahrt auf unser Medienschiff The Pioneer One einladen. Alle 3 Monate verlosen wir 5x2 Tickets.
Mit jeder Empfehlung besitzen Sie ein zusätzliches Los.
Ich freue mich auf Sie!
Hier klicken zum Weiterempfehlen
ODER DIREKT DEN PERSÖNLICHEN EMPFEHLUNGS-LINK KOPIEREN
https://thepioneer-briefing.mediapioneer.com/l/mbshare.html?id=1945620
EMPFEHLUNGS-LINK TEILEN
facebook    twitter    linkedin    whatsapp    email    email
Für die Teilnahme am Weiterempfehlungsprogramm gelten folgende Teilnahmebedingungen
💜💜💜 Ich bedanke mich ganz herzlich bei Christina Nehmert, Otto Gschwend, Vera Kölbel, Rosina Kaiser, Alfred Narwark, , Gabriele Meixner, Heiner Detert, Marcel Lynen für das fleißige Weiterempfehlen. 🥇🥇🥇
Ihre Meinung
Wie zufrieden sind Sie mit dem heutigen The Pioneer Briefing von Gabor Steingart?
Bewerten
Feedback
Ausgabe teilen
Hat es Ihnen gefallen? Dann teilen Sie diese Ausgabe des The Pioneer Briefings von Gabor Steingart.
facebook   twitter   linkedin   whatsapp   email
Hier können Sie das The Pioneer Briefing abonnieren.
Jetzt anmelden
Fügen Sie bitte die E-Mail-Adresse news@thepioneer-briefing.mediapioneer.com   Ihrem Adressbuch oder der Liste sicherer Absender hinzu. Dadurch stellen Sie sicher, dass unsere Mail Sie auch in Zukunft erreicht.

Dieser Newsletter wurde an kleindet.dk2@gmail.com   gesendet. Wollen Sie diesen Newsletter in Zukunft nicht mehr erhalten, klicken Sie bitte hier .

Media Pioneer Publishing AG
Bleibtreustr. 20
10623 Berlin
E-Mail:business-class-pioneer-briefing@mediapioneer.com

Eintragung im Handelsregister
Registergericht: Amtsgericht Charlottenburg
Registernummer: HRB 217945 B
Vorstand: Ingo Rieper


Verantwortlich für den Inhalt nach § 18 Abs. 2 MStV:
Gabor Steingart
Bleibtreustr. 20
10623 Berlin

Datenschutz

Wir verwenden Bilder von imago images